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Digitalisierung: Über Sinn und Unsinn des Datenschutzes

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Digitalisierung, Datenschutz und Breitband gehen Hand in Hand

Heute habe ich einen Artikel auf ZEIT Online über Dorothee Bärs Antritt als Staatsministerin für Digitales gelesen. Die Aussage ist zweigeteilt. Zum einen wirft der Autor Friedhelm Greis ihr vor, die wirklichen Herausforderungen der Digitalisierung nicht wirklich zu kennen bzw. den Status Quo zu unterschätzen. So kümmere sie sich nicht um die wirklichen Aufgaben, bspw. den Breitbandausbau wirklich abzuschließen, sondern baut darauf auf, dass dieser schon irgendwie erfolgt ist. Zum anderen bemängelt Herr Greis den unternehmerischen Lobby-Blickwinkel von Frau Bär in Bezug auf das Thema Datenschutz. Auch Sascha Lobo schlägt in seiner Kolumne bei SPIEGEL Online in dieselbe Kerbe, wenngleich mit anderer (ungleich interessanterer) Schwerpunktsetzung in Bezug auf politische Glaubwürdigkeit.

Hier muss ich Herrn Greis – aus unternehmerischer Sicht – zum einen zustimmen, zum anderen jedoch erwartungsgemäß widersprechen. Als kleines Unternehmen, das sich im operativen Bereich der Digitalisierung tummelt, haben wir durch die zurecht auch von einem Grünen-Politiker erwähnte EU-DSGVO enorme Herausforderungen zu bewältigen.

Digitalisierung: Breitband ist keinesfalls selbstverständlich

Es ist schon fast eine Unverschämtheit, wie selbstverständlich darüber geredet wird, dass es das schnelle Internet gibt und wir bald in einer Gigabit-Gesellschaft leben. Gelebte Realität bei einer kleinen Manufaktur im Bereich interaktiver- und technologischer (Digital-)Lösungen, sowohl im Web- und Performance- als auch im Messe- und Sales-Bereich: 50 Mbit-Leitung für 10 Leute. Stimmt übrigens auch nicht so ganz: Die Leitung hat nur 16 Mbit, der Rest wird über einen Hybrid-Router mittels LTE beigesteuert. Gemessen sieht die Realität natürlich nochmals anders aus. Unitymedia als Alternative ist leider nicht vorhanden, eine eigene Leitung zu legen, ist nicht wirtschaftlich. Auch das Argument, einfach den Standort zu wechseln, verfängt meiner Meinung nach nicht. 2010 haben wir aus organisatorischen Gründen am Standort Iserlohn angefangen (Studium vor Ort), uns hier einen Kundenstamm aufgebaut und Mitarbeiter aus dem Umfeld eingestellt. Der Infrastruktur hinterherzulaufen, kann ja auch nicht im Sinne nachhaltiger, flächendeckender Wirtschaftsentwicklung sein.

Vor dem Hintergrund, dass wir Dienstleistungen im Rahmen der Digitalisierung anbieten – Schnittstellen- und klassische Web-Entwicklung genauso wie Erstellung von Bewegtbild, 3D- und Live-Interaction-Kommunikation – stellt das natürlich ein Problem dar. Wettbewerber in anderen Städten Deutschlands, aber auch in anderen Ländern der Welt, haben so einen Vorsprung, der sich wirklich in Geschwindigkeit messen lässt. Aber gut, wir sind ja im Prinzip im Gigabit-Zeitalter. Diese Herausforderung ist nicht nur vor dem Hintergrund der Kommunikation mit Kunden zu sehen. Vielmehr haben wir als Arbeitgeber auch einen Wettbewerbsnachteil: Telearbeit, flexible Arbeit unterwegs (zum Glück gibt die Gastronomie-Infrastruktur in Iserlohn kaum was her), Arbeiten von überall aus – das ist mit so einer Verbindung, die kaum Kommunikation zulässt, nicht möglich.

Digitalisierung: DSGVO wichtig, aber zu bürokratisch

Kommen wir dann zu dem aus Sicht der Journalisten als zu phlegmatisch beschriebene Wechselstimmung zum Thema Datenschutz; als liberaler Mensch ist die (digitale) Selbstbestimmung aus meiner Sicht ein hohes Gut. Dementsprechend müssen auch Nutzer von Internetangeboten – sei es ein soziales Netzwerk, ein Online-Shop, eine Suchmaschine oder auch nur das einfache B2B-Angebot eines potentiellen Dienstleisters – jederzeit die Hoheit über ihre Daten haben. Sie müssen wissen, welche Daten wie gespeichert und verwendet werden. Als europäischer Mensch, scheint es mir darüber hinaus sinnvoll, hier auch europäisch zu denken und entsprechend eine EU-DSGVO einzuführen.

Für digitale Geschäftsmodelle und kleine Unternehmen sind die Anforderungen jedoch ein organisatorischer und finanzieller Gau. Die Einbestellung eines externen Datenschutzbeauftragten kostet ein Unternehmen ca. 500 EUR im Monat; einen internen Datenschutzbeauftragten zu bestellen ist ungleich teurer, da ein Großteil der operativ eingebunden Mitarbeiter nicht geeignet ist (Befangenheit). Hinzu kommen verpflichtende Infrastrukturen im niedrigen bis mittleren fünfstelligen Bereich für zusätzliche Infrastruktur. Die externe Festplatte als dezentrales Back-Up darf auch einfach nicht mehr mit nach Hause genommen werden, sofern sie dort nicht eindeutig sicher gelagert werden kann.

Der digitale Vertriebsprozess wird darüber hinaus auch problematisch; die schriftlich dokumentierte Erlaubnis (auch im Nachhinein einzuholen, wenngleich bis dato laut UWG konform) für die Geschäftskunden-Kommunikation ist so ein Beispiel dafür, wie eingeschränkt Kommunikationsprozesse sind.

DSGVO: Ein Beispiel aus der Praxis

Auch dann, wenn die Kommunikation komplizierter wird, ist das ein Problem. Das DOI-Verfahren muss nun für jede Kontaktmöglichkeit einzeln eingeholt und auch technisch so umgesetzt werden. Sprich: Wer also auf Basis seiner Anfrage hin via E-Mail kontaktiert werden will, muss das (obwohl dieses Interesse durch Ausfüllen eines Formulars ja angenommen werden kann), dieses via Double-Opt-In (kurz: DOI) bestätigen. Möchte diese Person auch via Telefon kontaktiert werden (auch hier ist davon auszugehen, dass die ggf. sogar freiwillige Angabe dieser Information ein Interesse impliziert), muss sie das in einem separaten DOI-Verfahren bestätigen. Mit der Kopie der ausgefüllten Anfrage, die nach wie vor ungefragt versendet werden kann, erhält der Interessent jetzt bereits drei E-Mails. Besteht dann sogar noch die Möglichkeit, sich für einen Newsletter anzumelden, muss unter dem Formular noch ein drittes Häkchen gesetzt werden (darf logischerweise, Privacy-by-Default, nicht aktiviert sein), das wiederum eine Mail auslöst. Auch hier läuft dann ein DOI-Verfahren an.

Natürlich ist es gut, dass insbesondere private Nutzer nicht ohne ihren Willen kontaktiert werden können, insbesondere nicht mit Newslettern zugebombt werden. Wenn ich doch aber ein Kontaktformular mit einer Anfrage ausfülle, möchte ich doch sogar explizit kontaktiert werden. Natürlich kann ein  Unternehmen erklären, welche Mails kommen, wie viele es sind und warum: Wenn die jedoch nicht angemessen beantwortet oder verstanden werden, dann dürfen die Unternehmen nicht reagieren – und werden im Zweifel für falschen oder fehlenden Service abgestraft.

Fazit: Digitalisierung und Datenschutz bedürften einer „Überarbeitung“

Einfach gesagt: Es ist doch nicht alles gut. Bürokratie und damit verbundenen Kosten in kleinen, agilen Unternehmen steigen und bremsen so Wachstum. Wachstum dieser Unternehmen ist aber besonders wichtig, wenn Deutschland in der Digitalisierung Fortschritte machen will. Dass dafür jedoch auch das Grundrüstzeug noch nachgeliefert werden muss, ist auch offensichtlich! Dorothee Bär hat also noch einen weiten Weg vor sich, wenn es um die Optimierung der IT-Infrastruktur in Deutschland geht.

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