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(Hör-)Buch-Kritik zu BECOMING: Meine Geschichte
Michelle Obama berichtet über ihr Leben und ihren permanenten "Werden"-Prozess
David comment 0 Comments access_time 8 min read

Das war meine erste Biografie, die ich als Hörbuch gehört habe. Im vergangenen Jahr erschienen und direkt gehyped, habe ich mir vorgenommen, auch im Bereich des Hörbuchs ein wenig weniger fiktionale Literatur zuzulassen, dafür mehr von den Leben und dem Wissen anderer zu profitieren. Die Autobiografie BECOMING: Meine Geschichte von Michelle Obama (hier gibt’s die englische Originalversion) erschien mir hierfür als sehr guter Start.

Tatsächlich schreibt Michelle Obama unfassbar stark, das Buch gliedert sich klassisch chronologisch in die verschiedenen Abschnitte ihres Lebens, hat aber immer wieder Elemente, die sich durch das gesamte Hörbuch ziehen. Dazu gehören unter anderem ihre Hautfarbe, die Tatsache, dass sie eine schwarze Frau ist sowie natürlich das Titelgebende und im Englischen deutlich besser wirkende Wort „WERDEN“. Hervorhebenswert ist in dem Kontext auch der Kontrast zu dem, was der „alte weiße Mann“ (Lese-Empfehlung: Alte weiße Männer: Ein Schlichtungsversuch von Sophie Passmann) als Ziel und Erfolg ausgibt, an dem sich eben auch schwarze Frauen zu orientieren scheinen. Michelle Obama kommt aber zu dem Schluss, dass diese Zielvorstellung gar nicht das ist, was sie interessiert.

Die jungen Jahre: Michelle Obama lernt die Andersartigkeit kennen

Michelle Obama wächst, so suggeriert es die Erzählung, in einem verhältnismäßig stabilen Umfeld auf. Sie schaut sowohl zu ihrem Vater als auch zu ihrer Mutter und anderen Verwandten auf und kann aus heutiger Sicht reflektieren, was sie als kleines Kind damals nicht verstanden hat. Sie hebt die Stärke ihrer Mutter hervor, genauso wie das Selbstverständnis ihres Vaters. Insbesondere zum Ende des Buches hin werden beide Personen in ihrer Charakterstärke und ihrem Einfluss – Obamas Vater in seinem Tod, ihre Mutter jedoch als meinungsstarke, einflussreiche first grandma – wichtiger.

Mrs Obama beschreibt sehr eindrücklich, wie sie langsam aber sicher verstanden hat, dass sie, zunächst als schwarzes Mädchen, später dann als schwarze Frau vor diverse Grenzen gestoßen ist. Das fing unter anderem damit an, dass ihr zuvor gemischtes Wohngebiet immer weniger weiß geworden ist. Dass die ganze Familie allerdings Wert auf Kultur und die Ausbildung von ihr und ihrem sportlich orientierten Bruder gelegt hat, ist gleichzeitig ein Beleg dafür, wie unabhängig persönliche Entwicklung und Erfolg von der Hautfarbe sein kann, wenn das Umfeld alles nur denkbare ermöglicht – unabhängig davon, dass sich schwarze Familien deutlich mehr strecken müssen als weiße Familien.

Die Zeit dazwischen: Michelle Obama entwickelt sich

Am mit Abstand spannendsten für den Unwissenden ist die Zeit zwischen ihrer Zeit als unbedarftes Kind auf der einen Seite und ihrer Zeit als first lady (dann auch als Mutter) auf der anderen Seite. Das hat aus meiner Sicht zwei Gründe:

  1. Wir als Leser*innen erfahren mehr über das vielleicht bis dato nicht ganz so öffentliche Leben von Mrs Obama. Wir erfahren, wie sie zuerst, hart arbeitend und talentiert, verschiedene Stufen der beruflichen Karriere durchlaufen hat.
  2. Wir erfahren auch, dass sie an dem amerikanischen und westlichen Ideal, möglicherweise geprägt vom alten weißen Mann, gearbeitet hat. Und, das ist umso spannender, wir erfahren, dass sie die Erreichung dieses Ziels nicht glücklich gemacht hat. Die selbst gemachte Erfahrung, als schwarze Frau immer wieder an Grenzen gestoßen zu sein, die sich nur durch strukturelle Diskriminierung erklären lassen, hat sie den eigenen Fokus verändern lassen.

Michelle Obama als first lady

Eine für sie unglaublich schwierige Zeit hat Mrs Obama wohl als First Lady. Nicht deswegen, weil sie sich generell überfordert fühlt oder sie ihrem Mann Barack Obama den „Erfolg“ nicht gönnt. Vielmehr deswegen, weil sie sich immer wieder mit der Herausforderung konfrontiert sind, insbesondere im ersten Wahlkampf, an ihn zu glauben, für den Wahlsieg zu kämpfen, der zumindest zu Beginn so unfassbar unwahrscheinlich erscheint.

Im zweiten Schritt kämpft sie – natürlich – damit, ihre eigene Rolle im Weißen Haus zu finden. Welche Aufgabe soll sie übernehmen? Welche Werte soll sie verkörpern? Die Tatsache, selbst noch junge Kinder zu haben und aus ihrer persönlichen Familienvergangenheit heraus immer wieder mit dem Thema Kochen und gesunder Ernährung konfrontiert zu sein, nutzt sie dementsprechend dafür, genau diese Themen zu setzen. Gesunde Ernährung, insbesondere für Kinder, vorzugsweise Schüler, spielt für sie eine entscheidende Rolle. Gesundes Schulessen, die Förderung des Schulsports, eine allgemeine Bewusstseinssteigerung der (amerikanischen) Gesellschaft für das Thema Sport und gesunde Ernährung sind die Themen, mit denen sie wahrgenommen werden will und für die sie in ihrer Zeit sicherlich auch auch einiges erreichen konnte.

Gleichzeitig hadert sie mit den notwendigen „Privilegien“ der Präsidentschaft ihres Mannes. Dazu gehört, neben der lückenlosen Überwachung, auch die Tatsache, dass bestimmte Orte nur für sie als first family geräumt oder gesperrt werden, um einen gemütlichen Abend zu zweit (und dann wirklich ohne Gesellschaft mit Ausnahme des Secret Service) zu verbringen. Sie hadert auch damit, aufgrund spontaner Einfälle und Ideen – etwa eines persönlichen Einkaufs in einem Supermarkt – einen großen Aufwand insbesondere den Menschen machen zu müssen, die sie bewachen (müssen). Der Wunsch, aus dem Weißen Haus ausbrechen zu können, weil sie sich aufgrund der ganzen Vorschriften, Gedanken und Pläne „gefangen“ fühlt, macht meiner Meinung ebenfalls deutlich, dass eine reflektierende und starke first lady möglicherweise zwar von ihrem Mann gewünscht und akzeptiert ist (natürlich!); das dem aktuellen Amerika zugrunde liegende System sieht aber eine solche Rolle über repräsentative Aussagen hinaus nicht vor.

Schlussendlich bleibt noch eine wichtige, inhaltliche Beobachtung haften. Die Übergabe des Weißen Hauses der Familie Bush nach zwei Legislatur-Perioden. Unabhängig von möglicherweise parteipolitischen und persönlichen Unterschieden haben George W. und Laura Bush das Weiße Haus in einem einwandfreien und politisch sowie inhaltlichen sauberen Zustand an ihre Nachfolger übergeben. Die Gespräche zwischen Laura Bush und Michelle Obama über das Leben als first lady und die Herausforderung, beispielsweise Kinder an diesem Ort aufwachsen zu sehen, sind meiner Meinung nach völlig zu Unrecht in der Öffentlichkeit kaum thematisiert. Sie zeigen, dass es auch in der amerikanischen Parteipolitik zumindest bis zur Präsidentschaft von Donald Trump immer noch das Bemühen um demokratische Kompromisse und den Respekt vor dem Amt des amerikanischen Präsidenten gab. Nicht umsonst ist da meiner Einschätzung nach das Foto um den Tod von Barbara Bush entstanden.

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Und dann gibt es da auch noch diese – eher am Ende der Präsidentschaft von Barack Obama entstandene – von Mrs Obama gehaltene Rede vor der Democratic National Convention (kurz: DNC), in der sie indirekt gegen den Wahlkampf vom aktuellen Präsidenten Donald Trump argumentiert, ohne ihn beim Namen zu nennen:

Michelle Obama auf der Democractic National Convention

Auch diese Rede, neben dem Bild und zahlreichen anderen Auftritten und Berichterstattungen, macht deutlich, dass Michelle Obama sich in ihrem Werdungsprozess zwar auch als die first lady begriffen hat, vielmehr aber eben auch als Michelle Obama, die aufgrund ihrer Vergangenheit, ihrer Erfahrungen und ihres Lebens durchaus in der Lage ist, eigene Akzente zu setzen.

Fazit: Stil & Wert des Buchs

Natürlich ist es eine Autobiografie. Natürlich ist sie gefärbt von der Selbstwahrnehmung der Protagonistin. Natürlich gibt es in diesem Kontext selten eine zweite Meinung von außen, noch seltener eine Meinung, die der Wahrnehmung von Mrs Obama widerspricht. Dennoch: Persönlich sehr angenehm habe ich den Schreibstil empfunden. Mir ist erstmalig aufgefallen – und ich lese durchaus Bücher gemischt von Autor*innen –, dass der Schreibstil außergewöhnlich ist, für eine Biografie sehr emotional, zwischenmenschlich und sich selbst hinterfragend.

Wer ihr den Vorwurf macht, in dem Buch arrogant oder zu selbstherrlich zu wirken, hat meiner Meinung nach nicht verstanden. Natürlich stellt Mrs Obama alles so dar, als sei die aktuelle Selbstwerdung ein logischer, roter Faden gewesen. Allerdings behauptet sie niemals, etwas bewusst herbeigeführt oder gelebt zu haben, noch lässt sie eigene Unsicherheiten, Unklarheiten am Wegesrand der Entwicklung oder auch Fehlentscheidungen aus. Sie wirkt, so macht es auch der Schreibstil deutlich, bei aller Intelligenz und allem Erfolg, den sie zweifelsohne hat, immer als jemand, die begreift, sich in einem anhaltenden Werdungsprozess zu befinden einerseits. Andererseits ist dieser Prozess begleitet von Selbst- und Entscheidungszweifeln. Ich kaufe ihr ab, dass sie auch jetzt, nach ihrer Zeit als first lady, wieder damit beschäftigt ist, sich in einem nun völlig neuen und anderen Leben zu finden.

Insofern kann ich für das (Hör-)Buch guten Gewissens eine Empfehlung aussprechen; insbesondere dann, wenn Du Dich für die Entwicklung der schwarzen Bevölkerung in den USA interessiert und mit den Demokraten im Allgemeinem bzw. der Obama-Administration im Speziellen sympathisierst.

Credits für Cover:  A GIRLBRAND auf Unsplash

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