Ich bin ein Fan der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ und der gesamten ZEIT Verlagsgruppe. Das betrifft sowohl das gedruckte (oder digitale) Hauptprodukt als auch viele Ableger, etwa ZEIT ONLINE, ausgewählte Podcasts und bestimmte Magazine. Warum? Weil der Content und die liberale und offene Geisteshaltung auch eine kritische und kontroverse Debatte nicht scheuen. Gleichzeitig thematisiere ich den wirtschaftlichen Erfolg des Mediums regelmäßig im Kontext mit meinen Studierenden.

Das Erfolgsgeheimnis ist meiner Meinung nach, als eines der wenigen Leit-Medien in Deutschland erkannt zu haben, zusammen mit den Rezipient:innen am Produkt zu arbeiten – und nicht einfach vorzusetzen, was ist, oder nach einer Marktforschung alle fünf Jahre das Layout und die Ressort-Verteilung zu modifizieren. Dass darüber hinaus noch ein großer Innovationsgeist steckt, machen Projekte wie Deutschland spricht deutlich. An diesem Fan-Sein ändert sich auch durch diesen Beitrag nichts – und trotzdem stört mich der Umgang mit der INSM-Anzeige so sehr, dass ich dazu einen Beitrag verfassen möchte.

Was ist passiert?

Das Online-Medium ZEIT ONLINE hat vor einiger Zeit eine furchtbare Anzeige der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (kurz: INSM) veröffentlicht. Dass diese Lobby-Organisation einen bisweilen sehr großen Einfluss auf mich hatte, thematisiere ich weiter unten.

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Im Kern war die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, mit zwei Steintafeln (analog der zehn Gebote) abgebildet. Die Botschaft: Durch Verbote (statt Gebote) würde Deutschland keine Zukunft haben. Dass die INSM eine kritische Einstellung gegenüber Annalena Baerbock und den Grünen hat, ist legitim. Die Anzeige aber war mindestens geschmacklos, wenn nicht sogar diffamierend. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass diese Anzeige nicht irgendwie, sondern flächendeckend über Header und beide Seiten der Website online geschaltet wurde, macht deutlich, dass es der INSM wirklich weniger um Argumente und Diskurs als um Bloßstellung und unsachliche Kritik ging (oder sogar geht).

Zum einen ist ZEIT ONLINE nicht das einzige Medium mit einem journalistischen Qualitätsanspruch, das diese Anzeige geschaltet hat. Auch die Print-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung und der Tagesspiegel (erscheint im gleichen Verlag wie DIE ZEIT) haben die Anzeige veröffentlicht. Zum anderen halte ich die reine Veröffentlichung zwar für ein wenig kurzsichtig – aber hinterher zu meckern ist keine große Kunst. Solche Fehler können passieren.

Und was ist jetzt so schlimm?

Die Chefredaktionen von DIE ZEIT und ZEIT ONLINE haben auf die berechtigte Kritik an der Veröffentlichung der Anzeige reagiert. Die Ursachensuche für die Anzeigenveröffentlichung war schnell gefunden: Die Trennung von Anzeigenverkauf und Redaktion. Dass es diese Trennung und zweiseitige Märkte im Mediengeschäft gibt, ist naheliegend. Die Ursachensuche quasi als Beweis für die journalistische Integrität.

Fehlersuche und Transparenz im Umgang mit offensichtlicher Kritik sind begrüßenswert und der ZEIT-Blog erläutert häufig kritische Entscheidungen und Einzelfall-Abwägungen in der Redaktion. Auch das gehört zum State-of-the-art im Journalismus, schafft Vertrauen und lässt interessierte und kritische „Freunde der ZEIT“ teilhaben am gesamten Entstehungsprozess der verschiedenen Produkte der Verlagsgruppe.

Worüber aber rege ich mich auf? Die Konsequenz ist falsch und zu kurz gedacht. Konkret steht am Ende die Aussage, dass Anzeigen mit einer ähnlichen Bildsprache abgelehnt wurden (Vergangenheit). Das ist natürlich das Mindeste, was man erwarten konnte. Gleichzeitig gibt es auch eine in die Zukunft gerichtete Feststellung. Redaktion und Verlag diskutieren politische Kampagnen nun im Vorfeld.

Genau diese Aussage lässt bei mir aber ein Geschmäckle zurück, dass ich aus verschiedenen Gründen für gefährlich halte:

  • Zweifle ich die Integrität der ZEIT-Redaktion bzw. ZEIT ONLINE-Redaktion an? Nein. Aber es gibt jetzt einen offensichtlichen Grund. Entweder wird durch die Vermischung beider Seiten klar, welche politischen Botschaften die Redaktion fördert oder nicht. Der häufig aus der Querdenker-Szene kommende Vorwurf der gekauften Mainstream-Medien hat ohne Not ein wenig mehr Schlagkraft bekommen. Welche Druckmittel übt möglicherweise der Verlag aus? Welchen Einfluss haben die Geldgeber auf die Berichterstattung?
  • Zweifle ich das gesellschaftliche Gespür der beiden Chef-Redaktionen an? Ebenfalls nein – aber jetzt gibt es auch hier einen Kritikpunkt: Auf welcher Basis entscheidet wer im Unternehmen nun warum eine Anzeige geschaltet wird oder eben nicht. Streng genommen muss so jede Entscheidung dokumentiert und begründet werden. Außerdem: Was ist, wenn nun – aus Zeitgründen – doch eine Entgleisung kommt. Wann kommt der Verlag auf die Redaktion zu?

Die bessere Lösung

Ich habe gesagt: Ich bin Fan. Auch nach dieser Entscheidung bleibe ich Fan. Mir ist aber die Integrität des Mediums, mit dem ich mich identifiziere, sehr wichtig. Aus diesem Grund frage ich mich, warum sich das Gremium nicht einfach dazu entschieden hat, pauschal politische Werbung – zumindest in Wahlkampfzeiten – nicht zu unterstützen. Außerhalb des Wahlkampfs sind Interesse und Einfluss der Werbung vermutlich deutlich weniger interessant. Innerhalb des Wahlkampfes kann nun jede politische Einflussnahme über Werbung ein Hindernis für Transparenz und Integrität der Redaktion darstellen. Pauschal Werbung abzulehnen kratzt zum einen nicht an der Autonomie der Redaktion gegenüber dem Verlag. Zum anderen kommt auch niemand in die Verlegenheit, Inhalte unabhängig bewerten zu müssen. Dass man mit dieser Einstellung trotzdem arbeiten kann, hat Twitter-CEO Jack Dorsey schon 2019 gezeigt. Und auch er ist natürlich angewiesen auf das Geld insbesondere aus dem politischen Wahlkampf:

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